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M.P.: Und dein Vater? Du hast deinen Vater nicht erwähnt …

Gerry X: "Oh, mein Vater. Der hat mir immer Wilhelm Busch vorgelesen. So oft, dass ich die Geschichten bis zu meinem 7ten Lebensjahr auswendig konnte. In der Tat, Literatur spielte in unserer Familie immer eine große Rolle."


M.P.: Kommen wir zurück auf deinen literarischen Werdegang. Ende der 80er hast du dich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Was hat dich damals dazu bewogen?

Gerry X: "Ich war einfach kaputt, versoffen und hatte alle möglichen Gifte dieser Welt in mich aufgenommen. Und ich hatte begriffen, dass unsere Sache – die Sache der Poète Maudit – verloren war. Die wirkliche Freiheit des Menschen ist offenbar nicht zu erreichen. Ich denke da an den 'Brief eines Sehers' von Arthur Rimbaud: 'Der Mensch ist noch nicht erwacht, er lebt noch nicht in der Fülle seines Traums'. Ich glaube sinngemäß steht das in diesem Brief. Und mir wurde klar, dass das lange, lange auch nicht der Fall sein wird. Ich musste den Traum von meiner eigenen Freiheit begraben. Das war es, glaube ich, neben allen anderen Umständen, weshalb ich mich entschloss, zu schweigen. Wichtig ist aber auch, dass ich leidvoll erfahren musste, was Jean Genet über Dichtung sagte. Dass sie eben eine ungeheure Anspannung des Willens bedeutet und nicht der bloße freie Eintritt durch die Sinne ist. Damals war mein Wille zerbrochen."


M.P.: Freiheit? Was meinst du mit Freiheit?

Gerry X: "Ohne Angst atmen zu können."


M.P.: Hältst du die "Sache der Poète Maudit" noch immer für verloren?

Gerry X: "Ja, allerdings. Es sei denn, man belehrt mich eines Besseren … Aber das sehe ich zurzeit nicht."


M.P.: Warum schreibst du dann wieder bzw. kehrst in die Literaturszene zurück? Wenn es keine Hoffnung mehr gibt für die Sache, an die du glaubst?

Gerry X: "Ich habe keine andere Wahl und außerdem kann ich auch nichts anderes als Schreiben. Vielleicht finden sich ja Menschen, denen ich was zu sagen habe. Aber ich hege daran nicht mehr all zu große Erwartungen. Wir werden sehen …"


M.P.: Du erwähntest vorhin dein Schweigen. »Chomskys Schweigen«, so nennt sich dein neuer Roman, der Ende des Jahres erscheinen wird. Was meinst du mit diesem Schweigen?

Gerry X: "Zunächst habe ich sehr intensiv über das Schweigen nachgedacht. Wenn ich behaupte, die Sprache sei das Haus des Seins, so müsste Schweigen bedeuten, dass es in dem Augenblick, in dem es mir gelingt, das völlige innere Schweigen zu erreichen, die Welt ausgelöscht wäre. Darüber habe ich eben nachgedacht. Und dann begegnete mir Chomsky, also ich meine so wie gewissen anderen Leuten Gott begegnet … Chomsky versuchte zu schweigen, aber er scheitert. Aus einem Grunde nur: Alles, was man jemals empfunden, gedacht, ja überhaupt zu Bewusstsein gebracht hat, ist unwiderruflich. Und andererseits wollte ich mit der Figur Chomsky auf gewisse moderne Illusionen hinweisen. Moderne und zugleich alte Illusionen."


M.P.: Was meinst du damit genau?

Gerry X: "Na, es gibt eben ein Tabuthema in dieser, unserer Welt – der Tod. Will sagen, Unsterblichkeit kann nicht unser Ziel sein. Ohne den Tod gäbe es die Liebe nicht. Und das muss Chomsky leidvoll erfahren."


M.P.: Warum hast du dein Schweigen gebrochen?

Gerry X: "Dieses verfluchte, absurde Leben ist ein Schrei nach Liebe … Und niemand hört diesen Schrei. Ich wollte nie etwas anderes, als die Liebe zu leben. Ich weiß, dass es mir nicht gelingen wird. Wie Nietzsche sagte, es gibt eine Zeit zum Leben und eine Zeit zum Sterben. Ich schweige nicht mehr, weil ich erlöschen will wie Sonnen erlöschen. Großartig und aufgebäumt. Meine Liebe zum Leben verlangt meinen 'Schrei'"


M.P.: Wie viel Autobiografisches findet sich in »Chomskys Schweigen«?

Gerry X: "Chomsky bin ich und ich bin Chomsky."


M.P.: Das klingt sehr surreal …

Gerry X: "Ist Bewusstsein etwas anderes?"


M.P.: Der Protagonist "Chomskys" ist Agent eines Freitodmotels. Wie kamst du auf diese makabre Idee?

Gerry X: "Wieso makaber? Der Freitod gehört zum Faustpfand des Menschen. Chomsky entsprach dem Willen seiner großen Liebe und begleitete sie in eines dieser Freitodmotels. Er wurde mit dieser Geschichte nicht fertig; er war sich selbst nicht gewachsen. Das ist eben die tragische Dimension von Chomsky. Am Ende bleibt der Wahnsinn …"


M.P.: »Nachtschweißgesänge« heißt dein neuer Gedichtband, der im Culex – Verlag erschienen ist. Die Lyrik wirkt sehr düster und melancholisch. Wie siehst du selbst deine Lyrik?

Gerry X: "Düster, dunkel, depressiv … Solche Charakterisierungen meiner Texte höre ich immer wieder. Ich bin ein glücklicher Realist, wie schon erwähnt, und welcher Realist kann schon der Melancholie entbehren? Jedes meiner Gedichte drückt meine unbedingte Liebe zum Leben aus. Ich mag's halt nicht lau."


M.P.: Kannst du bitte ein wenig Einblick in einzelne Gedichte aus »Nachtschweißgesänge« gewähren?

Gerry X: "Da muss ich einen Augenblick nachdenken … 'Genug ist nie genug' habe ich mir selber zum Geburtstag geschenkt. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass ich mein Amor Fati lebe. Ein anderes Gedicht, 'Säufer am Grab eines Säufers', beschreibt in der Tat eine Erfahrung oder besser gesagt den Tod eines Säufers, den ich kannte. Andererseits will ich hoffen, dass die Menschen, die mich kannten, irgendwann mal genau das über mich sagen. Ich bin und bleibe ein zorniger Mensch …

Der Gedichtband »Nachtschweißgesänge« bedeutet schlussendlich eine Liebeserklärung an das Leben. Wer das nicht begreift … dem ist offenbar nicht mehr zu helfen."

 

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