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Über 15 Jahre, nachdem sich Gerry X aus der Literaturwelt zurückgezogen hat, schenkt er jener seit kurzem wieder seine volle Aufmerksamkeit. Neben dem Gedichtband »Nachtschweißgesänge« hat er die Arbeiten an seinem neuen Roman »Chomskys Schweigen« abgeschlossen. Geplant ist daneben das neue Literatur-Event »Eine Saison in der Hölle«, bei dem die Lyrik von Gerry X im Vordergrund steht. Lesetouren mit Texten von Charles Bukowski & Dylan Thomas runden sein Repertoire ab. Grund genug, mit dem Poète Maudit Gerry X ein Interview zu führen…

M.P.: In den 80ern bist du in der avantgardistischen Literaturszene als Poète Maudit Gerry berühmt gewesen. Was macht einen Poète Maudit aus?

Gerry X: "Schreiben heißt das Leben der Seele in Sprache zu übersetzen. Das ist Dichtung und das ist ein Poète Maudit. Sprache ist für uns das Haus des Seins. Dieser ganze Kosmos der Leibhaftigkeit schafft Bedeutungen und diese Bedeutung zu leben, das ist es, was uns ausmacht. Wir repräsentieren nicht nur Kopfvorgänge."


M.P.: Warum bezeichnest du dich als den letzten, noch lebenden Poète Maudit?

Gerry X: "Ich habe kein Geld, keine Zuflucht und keine Hoffnung, deswegen bezeichne ich mich als den letzten noch lebenden Poète Maudit. Nein, wie schon erwähnt, ist Sprache für uns das Haus des Seins. Wir kommunizieren nicht, wir schaffen Bedeutungen. Wir waren und sind glückliche Realisten und ich meine mit Realisten unbedingte Subjektivität. Ich denke, dass das den meisten Autoren von heute abhanden gekommen ist. Viele meiner Weggefährten von einst, die ähnlich gedacht wurden, sind inzwischen tot. Das ist auch ein Grund, warum ich mich als einen der Letzten bezeichne."


M.P.: Wieso wird dein Name inzwischen durch ein "X" ergänzt?

Gerry X: "Naja, das hab' ich ein bisschen abgekupfert bei Malcolm X. Das 'X' steht für mich für das Unbekannte, für das noch nicht Festgestellte.' Ich bin das nicht festgestellte Tier'. Malcolm X wollte sein alten Sklavennamen damit ablegen, ebenso wie es der Boxer Muhamed Ali alias Cassius Clay getan hat. Letztendlich weiß ich nicht, wer ich bin, daher das 'X'."


M.P.: Erzähl' bitte ein wenig über dein literarisches Leben.

Gerry X: "Sprache und Leben sind eins! Dies zu leben erlaubte mir mein Freund & Mentor Friedrich Mühsam, der leider vor 2 Jahren verstarb. Die Einheit von Sprache und Leben war unsere damalige Botschaft, jenseits aller politischen Motivation. Ich machte meine Lesungen sowohl in Kneipen, Puffs, Schulen und vor Kindergärten. Und natürlich auch vor Kirchen. Mühsam verstand, dass ich die unbedingte Liebe predigte und wo kann man die Liebe besser leben, als in Paris? Also begab ich mich nach Paris um etwas zu versuchen, von dem ich heute weiß, dass es unmöglich ist – unbedingte Liebe. Dennoch war Paris für mich eine meiner wertvollsten Erfahrungen. Nicht zuletzt, weil ich den großen Dichter Jean Genet kennen lernen durfte – eine tiefe Freundschaft verband uns und verbindet uns noch immer, auch über seinen Tod hinaus ... Und mit Dylan Thomas rufe ich aus: 'Wir sind die Toten!'"

M.P.: Bist du beeinflusst von anderen Schriftstellern?

Gerry X: "Ja durchaus. Als erster Stelle wäre Arthur Rimbaud zu nennen, aber auch Henry Miller, selbstredend Dylan Thomas und natürlich Bukowski. Aber ich darf auch nicht verschweigen, dass das Werk von Hermann Hesse einen großen Eindruck auf mich gehabt hat. Doch wirklich begeistert war ich von Alfred Döblins Roman 'Berlin Alexanderplatz'. Das war und ist für mich große Literatur. Unübertroffen!!!"


M.P.: In deinen Gedichten sprichst du oft von Ratten, Tauben und dem Stern Sirius. Das ist wohl ein Symbolismus, den du in deiner Sprache benutzt?

Gerry X: "Durchaus. Meine Kindheit in Köln ist geprägt von Ratten. Sie waren überall, in unseren Kellern, auf dem Hinterhof, in unseren Wohnungen, in unseren Gedanken & Träumen. Zu jener Zeit baute man in Köln die U-Bahn. Es war daher notwendig, die alten Kanäle & Katakomben zu fluten. Die Ratten mussten flüchten und zu gewissen Morgenstunden war die Moselstraße schwarz vor fliehenden Ratten. Ich habe einen Horror vor ihnen, doch muss ich bedenken, dass der Mensch das, was er über sich weiß, auch großenteils den Ratten verdankt. Heerscharen von Ratten mussten in den Laboratorien der Wissenschaft verrecken. Was die Tauben betrifft, so sind sie für mich die Ratten der Lüfte. Tauben gehören zu Köln, wie der Dom zu Köln gehört … Auch sie waren immer da.

Naja und Sirius, der hellste Stern am Abendhimmel, er ist ein Unglücksstern. Der Hund der Lichter …"


M.P.: Wie kam es zu deiner Leidenschaft, zu schreiben?

Gerry X: "Ich denke, mein Großvater hat da - ungewollt - viel zu beigetragen. Er schenkte mir irgendwann mal ein kleines Notizbuch, noch bevor ich schreiben oder lesen konnte. Dennoch kritzelte ich Zeichen in dieses Buch. Und eines morgens – es war ein Morgen – als ich erwachte und dieses Notizbuch in die Hand nahm, jene Zeichen betrachtete, die ich dort hineingekritzelt hatte, überraschte mich der Gedanke – oder besser das Bewusstsein – dass diese Zeichen etwas bedeuten. Ich hatte mein Seelenleben in Zeichen bzw. Sprache übersetzt. Nicht zu vergessen auch meine Mutter, die immer eine leidenschaftliche Leserin war und selbst den Gedanken hegte, Schriftstellerin zu werden. Ich denke, dass sie es ist, ohne es zu wissen …"

 

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